
Der wissenschaftliche Name, der hinter vielen dieser Produkte steht, lautet PDRN – Polydesoxyribonukleotid. Daneben werden in der ästhetischen Medizin auch Polynukleotide (PN) verwendet. Beide Begriffe werden im Marketing teilweise nebeneinander oder sogar synonym verwendet, sind chemisch und produktspezifisch aber nicht zwangsläufig identisch.
Der Name allein sorgt für hochgezogene Augenbrauen: Polynukleotid-Behandlungen,; mit Lachssperma-DNA? Bevor man sich aber am Namen abarbeitet, lohnt der nüchterne Blick – denn hinter dem reisserischen Etikett steckt ein Wirkstoff, der in der Wundheilungsforschung seit Jahren dokumentiert ist. Die eigentlich interessante Frage ist nicht "wer kommt auf sowas", sondern: Was zeigt die Evidenz tatsächlich, und wo hört das Belegbare auf und die Marketingsprache an?
Der wissenschaftliche Name ist PDRN – Polydesoxyribonukleotid. Klingt nach Chemiebaukasten, ist aber im Kern simpel: gereinigte DNA-Fragmente, die meist aus den Spermienzellen von Lachs oder Forelle gewonnen werden. Kurz gesagt: Niemand injiziert Fischsperma. Das Ausgangsmaterial wird verarbeitet und aufgereinigt; im fertigen Präparat befinden sich definierte DNA-Fragmente – nicht das, was der Name zunächst vermuten lässt.
Warum ausgerechnet Lachs?
Die Antwort ist weniger spektakulär, als die Werbung manchmal suggeriert. Die DNA aus den Spermienzellen von Salmoniden lässt sich in hoher Reinheit und in geeigneter Form gewinnen. Entscheidend ist nicht, dass Lachs-DNA dem menschlichen Erbgut „besonders ähnlich“ wäre – DNA ist als biologisches Molekül grundsätzlich universell aufgebaut. Entscheidend sind vielmehr die Eigenschaften der gewonnenen DNA-Fragmente, ihre Aufreinigung und die daraus resultierenden biologischen Effekte.
PDRN ist somit kein reines Marketing-Märchen. Der biologische Wirkmechanismus ist deutlich besser untersucht als die klinische Wirksamkeit der ästhetischen Anwendung: PDRN wirkt nach heutigem Verständnis unter anderem über den Adenosin-A₂A-Rezeptor und über den sogenannten Nukleotid-Salvage-Pathway. Dadurch können biologische Reparaturprozesse beeinflusst werden. Beschrieben sind unter anderem antiinflammatorische Effekte, eine Förderung der Angiogenese und der Geweberegeneration. Das heisst, es setzt eine Kaskade in Gang, die Entzündungen reguliert, die Produktion von VEGF (einem Wachstumsfaktor für Blutgefässe) ankurbelt und Prozesse beeinflussen, die unter anderem die Aktivität von Fibroblasten und die Kollagensynthese betreffen.
Für die kosmetische Anwendung wird daraus im besten Fall abgeleitet: verbesserte Hauttextur, mehr Elastizität, sichtbar geglättete feine Linien, teils auch weniger Pigmentflecken, obwohl bei gerade Letzteren die Datenlage besonders dünn und ein eigenständiger depigmentierender Effekt bislang nicht überzeugend belegt ist. Wichtig ist das "im besten Fall" – die meisten dieser Effekte stammen aus kleineren Studien, Fallserien und klinischen Beobachtungen, nicht aus grossen, placebokontrollierten Langzeitstudien. Je nach Produkt und Anwendung wird PDRN beziehungsweise werden Polynukleotide (PN) injiziert oder in topische beziehungsweise apparative Behandlungskonzepte integriert. Die klinische Evidenz ist dabei stark von Produkt, Molekülgrösse und Applikationsweg abhängig.
Die ehrliche Einordnung: Für die Wundheilung ist die Evidenzlage vergleichsweise solide – hier gibt es seit Jahren belastbare Forschung. Für die rein ästhetische Anwendung an gesunder, alternder Haut ist die Datenlage jünger, kleiner und methodisch heterogener. Das heisst nicht "wirkt nicht", sondern schlicht: Die Beweislage ist noch im Aufbau, und Vorsicht vor Absolutheitsformulierungen ist angebracht – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.
Warum ausgerechnet Lachs-DNA und nicht eine andere Quelle – reine Forschungsgeschichte oder gibt es einen biologischen Grund, der in der Marketingsprache selten ausgesprochen wird? Wie belastbar sind die zitierten Studien wirklich, wenn man Stichprobengrösse und Studiendesign genauer anschaut? Und: Wie lange hält ein sichtbarer Effekt tatsächlich an, jenseits der Zeiträume, die in Hersteller- und Kliniktexten meist zitiert werden?
Auch die Reinheits- und Herkunftsfrage bleibt relevant: Wie wird "aufgereinigt" in der Praxis definiert, und wie einheitlich ist das über verschiedene Anbieter und Länder hinweg reguliert? Das sind Fragen, auf die es noch keine abschliessende, allgemein akzeptierte Antwort gibt – und genau deshalb lohnt es sich, sie offen zu stellen statt sie mit einer einzelnen Studie zuzudecken.
PDRN und Polynukleotide zeigen, wie ein Trend gleichzeitig ungewöhnlich klingen und wissenschaftlich nicht unbegründet sein kann. Die biologischen Wirkmechanismen sind gut beschrieben, und für bestimmte Anwendungen in der Wundheilung existiert eine deutlich längere Forschungstradition als für die ästhetische Anwendung. Die Anti-Aging-Evidenz ist vielversprechend, aber noch nicht abschliessend gesichert.
Wer eine solche Behandlung erwägt, sollte deshalb Herkunft und Aufreinigung des Produkts ebenso hinterfragen wie die konkrete Evidenz für das verwendete Präparat und den jeweiligen Applikationsweg. Nicht die Schlagzeile sollte überzeugen – sondern die Qualität der Daten.
Kim TH, Heo SY, Oh GW, Heo SJ, Jung WK. Applications of Marine Organism-Derived Polydeoxyribonucleotide: Its Potential in Biomedical Engineering. Mar Drugs. 2021 May 22;19(6):296. doi: 10.3390/md19060296. PMID: 34067499; PMCID: PMC8224764.
Kim, T.-H.; Heo, S.-Y.; Oh, G.-W.; Heo, S.-J.; Jung, W.-K. Applications of Marine Organism-Derived Polydeoxyribonucleotide: Its Potential in Biomedical Engineering. Mar. Drugs2021, 19, 296. https://doi.org/10.3390/md19060296